1. Rundbrief - 30. August 2003
2. Rundbrief - 1. Oktober 2003
3. Rundbrief - 14. November 2003
4. Rundbrief - 22. Februar 2004
5. Rundbrief - 27. April 2004
Sonnabend, 30. August 2003
Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte,
nach nunmehr beinahe einer Woche in den Vereinigten Staaten wird es Zeit für ein erstes Lebenszeichen hier aus Amerika. Nochmals vielen Dank all jenen, die in den letzten Tagen vor der Abreise an mich gedacht haben, mir geschrieben haben oder einfach da gewesen sind, um mir bei den vielen noch zu erledigenden Sachen zu helfen.
Nach der Chorreise der Meißner Kantorei, zu der ich zusammen mit meinen Eltern aus Dresden am 15. August abgereist bin, sind wir zusammen nach Frankfurt gefahren, von wo aus ich dann am nächsten Tag nach Amerika geflogen bin. Das Cello war gut verpackt (eine extra 5cm Schaumstoffschicht hat den Kasten zusätzlich geschützt), so daß ich damit keine großen Sorgen hatte, zumal ich vorher geklärt hatte, daß das Cello zusammen mit den Haustieren reisen darf. Für diese gibt es im Flugzeug eine extra Abteilung im Gepäckraum, und sie werden von Hand verladen, und müssen deswegen nicht über die Gepäckbänder. Am Flughafen durfte ich dann die Gebühr für mein "Sondergepäck" entrichten, man war sehr freundlich zu mir und alles schien unproblematisch.
Das Flugzeug war wider Erwarten keine Boeing 747, sondern eine 767, also kein Doppelstockflugzeug, sondern ein einstöckiges, dafür sehr lang und groß. Ganz nach Wunsch hatte ich einen Sitzplatz, auf dem ich die Beine ausstrecken konnte, das war sehr angenehm. Der Flug nach Newark (das ist etwa 30km von New York entfernt) war absolut problemlos, die 9 Stunden sind sehr schnell vergangen. Mittlerweile also 20.00 Uhr deutscher Zeit bin ich an Manhatten vorbeigeflogen, und sicher in Amerika gelandet.
Der erste Flughafen, an dem man amerikanischen Boden berührt, ist auch derjenige, auf dem das Einreiseverfahren vonstatten geht. Die ankommenden Passagiere werden in zwei Teile geteilt, Amrikaner und andere... Leicht vorstellbar, bei wem die Schlange länger ist. Nichtsdestotrotz ging es relativ schnell, mir wurden nicht einmal unangenehme Fragen gestellt, so wie ich es eigentlich erwartet hatte. Kurz danach mußte ich mein gesamtes Gepäck abholen, weil es durch den Zoll mußte. Zum Glück hatten die Beamten zu viel zu tun, als daß sie meinen Koffer hätten auspacken wollen. Als ich das Gepäck wieder aufgeben wollte, gab es ein bißchen Probleme mit dem Cello, es hat ein Weilchen gedauert, bis ich erstens erklärt hatte, wohin es soll, auf welche Art und Weise, und daß ich nicht bereit bin, nochmal die Gebühr für zusätzliches Gepäck zu bezahlen. Am Schluß hatte ich dann einen wunderbaren, wenn auch sehr langen, Flug nach Los Angeles. Als ich dort angekommen bin, war es nach deutscher Zeit gegen drei Uhr morgens, so daß ich (nachdem ich schnell ein Supershuttle (so etwas wie eine russische Marschrutka) genommen habe), nach dem Einchecken in der UCLA (University of California at Los Angeles) sofort in mein Bett gefallen bin.
Der erste Tag des PreAcademicPrograms war dann auch etwas von Müdigkeit überschattet. Insgesamt waren das Interessanteste wirklich die Leute, die mit mir zusammen dort gewesen sind. Nahezu die ganze Welt war vertreten, viele Südamerikaner (Chile, Brasilien), Marokko, Österreich, Südafrika, Ghana usw. Der Informationsgehalt der "Lessons" war manchmal etwas dünn, genauer gesagt war es gelegentlich angweilig, vielleicht auch, weil wir in Deutschland ein sehr gutes Vorbereitungstreffen von Fulbright hatten - letztendlich gab es aber genügend interessante Gesprächspartner, so daß die Zeit unheimlich schnell vergangen ist. Neben den obligatorischen Veranstaltungen gab es während der drei Tage auch fakultative - die dadurch freiwerdende Zeit haben wir dazu benutzt, uns Los Angeles anzusehen. Eigentlich ist das keine Stadt, die an sich wirklich schön ist - die Berühmtheit rührt vor allem von Hollywood, dem Sunset Boulevard und den wunderbaren Stränden her. Die haben wir dann auch gleich besucht, das Baden war herrlich, hohe Wellen, das Wasser so salzig, daß man es lieber nicht versehentlich in den Mund bekommt. Abends dann hatte die Universität immer etwas organisiert, einmal ein Abendessen in einem italienischen Restaurant, ein anderes Mal leider vollständig amerikanisch, viel zu viel Fett, viel zu viel an Masse, aber das war ja zu erwarten. Da dieses amerikanische Essen am letzten Abend stattfand, haben wir uns dann noch nach Santa Monica aufgemacht, eine der Städte, die aus den dreizehn spanischen Missionen (17. Jahrhundert), die hier an der Küste die Ausgangspunkte für die Entwicklung gewesen sind, entstanden ist (und quasi mit LA verschmolzen ist.). Dort waren wir in einer Bar (wobei man sich das nicht so locker wie in Deutschland vorstellen darf, man muß am Eingang seine ID zeigen, damit man hineindarf), und sind dann nochmal spätnachts am Strand gewesen und haben den Mars beobachtet, der hier unter einem ganz anderen Winkel zu sehen ist. Auch spätnachts ist es in Los Angeles nie ruhig, der Verkehr wird lediglich weniger, kommt aber nicht zum Erliegen. Später haben wir dann noch in unserer Unterkunft weitergefeiert, es war eigentlich schade, daß das Treffen nicht länger gegangen ist, nach drei Tagen kennt man sich gerade so richtig. Gegen 3 Uhr nachts mußte ich dann noch ein kleines Cellokonzert geben (ich hatte einige Wochen nicht gespielt, aber das hat nichts gemacht, es kam darauf nicht an..).
Seit gestern nun bin ich in Santa Barbara, ich habe den Bus hierher genommen, es ist ungefähr 80 Meilen, also 135 km von Los Angeles in nordwestlicher Richtung entfernt. Jack, der amerikanische Physikstudent, mit dem ich zusammen wohne, hat mich mit dem Auto abgeholt. Ich hatte vorher einige Zweifel und Vorbehalte, denn der "typische" Amerikaner hätte mich bestimmt nicht so freundlich aufgenommen, wie das gestern geschehen ist. Jack hat mir zuerst die Schlüssel für Briefkasten und Apartment gegeben und dann noch einen selbstgemalten Plan mit allen für mich wichtigen Punkten, einen Stadtplan, und überdies einige von ihm selbst beschriebene Seiten, mit Hinweisen für "Santa Barbara - Neulinge". Er hat sich sehr viel Mühe gegeben, und mein Zimmer ist nach der Aktion heute vormittag sehr schön. Der Nachteil, daß es nur durch einen Vorhang von der Wohnküche abgetrennt ist, wird durch den niedrigen Preis und die freundliche Umgebung ausgeglichen. Insgesamt gesehen hätte ich es kaum besser treffen können.
Heute vormittag nun haben wir eine Einkaufsrunde gemacht, ich habe im Baumarkt zwei große Platten für einen schönen Schreibtisch gekauft (das Zimmer war bis auf zwei kleine Kommoden unmöbliert), außerdem ein kleines Regal, einen Adapter für Stromkabel und viele andere nützliche Sachen. Jetzt ist alles zusammengebaut, und ich weihe den neuen Schreibtisch gerade ein.
Das Apartment ist sehr günstig gelegen. Mit dem Fahrrad braucht man ungefähr 20 Minuten zur Universität, etwa 200m entfernt ist ein Supermarkt mit Drogerie usw., außerdem gibt es einen Bus, der in der einen Richtung zur Universität, in die andere Richtung ins Stadtzentrum fährt. Sehr praktisch. Ab morgen werde ich dann wohl etwas die Umgebung erkunden, ich habe heute schon nach einem Fahrrad gesehen, aber neu kaufen ist zu teuer, so daß ich mich am Montag wohl an der Universität nach einem gebrauchten Rad umsehen werde.
Wer mir auf herkömmlichem Wege schreiben möchte, dem sei hiermit meine neue Adresse mitgeteilt:
Johannes Broedel 4845 San Gordiane Ave. Apt. C Santa Barbara CA 93111 United States of America
Die bisherige eMail-Adresse bleibt meine Hauptadresse, sie wird also quasi täglich abgefragt. Ich freue mich, wenn ich von Euch höre, bis bald, Euer Johannes
Mittwoch, 1. Oktober 2003
Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte,
nach einer geraumen Weile wird es Zeit für den Rundbrief Nummer 2.
Seit einer Woche haben hier in Santa Barbara die Vorlesungen begonnen, und es ist ganz erstaunlich, in welcher Intensität an der Universität zu Werke gegangen wird. Neben den drei Vorlesungen, die ich besuche (für Interessenten: Festkörperphysik, Allgemeine Relativitätstheorie und Quantenfeldtheorie), darf ich mich als Betreuer für eine Art Grundpraktikum für Ingenieure und Chemiker betätigen. Eigentlich hatte ich ja gedacht, daß ich diese Zeit hinter mir hätte (ich habe gerade vor zwei Wochen den Schein für das gelegentlich etwas unangenehme Fortgeschrittenenpraktikum an der TU Dresden aus der Ferne "erhalten", der letzte dieser Art), jedoch macht es eigentlich sehr viel Spaß. Ich habe zum Glück eine nette Gruppe von Studenten zugeteilt bekommen, in der der Frust über dieses zusätzliche Pflichtpraktikum nicht zu groß ist. Ein entscheidender Unterschied zu Deutschland wird allerdings sichtbar: die Ausbildung der Undergraduate-Studenten, die mit dem Bachelor, der im Vergleich zu unserem Vordiplom etwas niedriger angesetzt ist, endet, ist hier relativ schlecht. Manche der Praktikumsaufgaben liegen deshalb deutlich unter unserem Schulniveau. Der entscheidende (Fort-)Schritt zum allgemeineuropäischen Niveau, den dann nur noch etwa 3% der Studenten tun, geschieht im ersten Jahr der Graduate Studies. Viele geben innerhalb dieses Stadiums wegen der hohen Anforderungen leider auf.
Allgemein ist die Studienatmosphäre sehr offen, etwas familiärer, als ich es von Deutschland gewöhnt bin. Die Professoren sind immer erreichbar, und beantworten auch Fragen, die nicht weiterführend oder ausgeklügelt sind gerne. Man hat das Gefühl, daß hier beide Seiten ein Interesse am Vorwärtskommen der Studenten haben. Offensichtlich wird die Lehre deutlich ernster genommen - über die Studiengebühren finanziert sich auf diesem Wege ja auch das jeweilige Department.
Schön ist auch, daß mir nun etwas mehr Zeit für Physik zur Verfügung steht. Ich genieße es, daß der Druck (der selbstgemachte), jede Woche mit den Stücken etwas weiter zu kommen, verschwunden ist. Vielmehr spiele ich fast täglich eine oder zwei Stunden Cello, für mich zur Freude, einfach so, übe, wozu ich Lust habe und bin damit sehr zufrieden (und komme vorwärts!). Und es ist nicht tragisch, wenn es einmal nichts wird. Am letzten Montag habe ich beim hiesigen Celloprofessor vorgespielt, ich hoffe, daß er mich daraufhin für eine schöne Kammermusik vorschlägt. Sehr angenehm war auch seine Idee, mich gelegentlich für Substitutendienste im Orchester in Santa Barbara heranzuziehen, wollen wir hoffen, daß er nicht übertrieben hat. Morgen werden die Kammermusikgruppen ausgehängt, ich habe angedeutet, daß ich mir ein Streichquartett wünsche...
Anfang September habe ich mein erstes freies Wochenende hier benutzt, um Michael (einen Leipziger Freund) in San Jose zu besuchen. Von dort ist es mit dem Auto noch etwa eine Stunde bis nach San Francisco. So haben wir den Sonnabend dieser Stadt gewidmet. KeinVergleich zu Los Angeles, eine Stadt mit sehr viel Charakter, Flair, Chinatown, sehr sympathisch. Am Sonntag dann, müde von so viel Zivilisation, sind wir in der Gegend von San Jose wandern gewesen - mit einem späteren Abstecher zu einer Sternwarte auf Mount Hamilton.
Leider sind all diese Sachen ohne Auto nicht oder nur sehr umständlich möglich. Die im Vergleich zu Deutschland riesigen Entfernungen fordern ihren Tribut. Es ist keine Seltenheit, daß man, nur um jemanden zu treffen, 1000 km mit dem Auto fährt. Es ist alles auf diese Art von Transport ausgelegt, die alternativen Systeme sind (im Vergleich dazu) indiskutabel unflexibel und langsam. Es ist auch strukturell nicht möglich, ein dichtes Netz von Eisenbahnlinien und Bussen zu etablieren, weil hier die kleinsten Wege, die man in Deutschland zu Fuß zurücklegen würde (von Haus zu Haus), selbst schon zu weit zum Laufen sind. Ich denke schon, daß es Reserven gibt - man könnte zum Beispiel wieder mehr Güter- und Fernverker auf die Schiene verlagern und die wenigen existierenden Eisenbahnen einfach schneller und häufiger fahren lassen (oft wird sehr gebummelt) - dies alles gekoppelt mit der entsprechenden finanziellen Unterstützung. In den Ballungsräumen gibt es jedoch oft ein funktionierendes Nahverkehrssystem. Zum Beispiel wird gerade in Los Angeles die Straßenbahn wieder eingeführt, weil die Stadt im allnachmittäglichen Stau erstickt. Für kurze Strecken auf dem Lande (das sind hier die Entfernungen zwischen 10 und 50 km) ist es jedoch weder ökologisch noch wirtschaftlich sinnvoll, das Auto zu ersetzten. Die Benzinpreise bewegen sich auf etwa einem Viertel des deutschen Niveaus, Steuern sind sehr niedrig, die Versicherung hingegen macht den Großteil der Fixkosten aus. Es wird jetzt noch klarer, wie sehr dieses Land vom Öl abhängt - das Bewußtsein, daß die Interessen der USA (wohl unter anderem) der Sicherung der Versorgungslage dienen, wird dadurch unterstrichen.
Alles Verwaltungstechnische in Santa Barbara ist mittlerweile geklärt: Ich verfüge jetzt über eine Social-Security-Number, die sozusagen die Eintrittskarte in die Gesellschaft ist. Man benötigt sie, um ein Bankkonto zu eröffnen, oder um Gehalt beziehn zu können, einen Führerschein zu machen, oder ähnliches. Viel mehr als in Deutschland läßt sich hier über das Internet ändern, es ist praktisch, wenn man nicht mehr wegen jeder kleinen Änderung zu den entsprechenden Stellen laufen muß.
Unweit des Hauses, in dem ich wohne, beginnt eine alte Paßstraße, der San-Marcos-Paß. Mittlerweile hat man einen neuen Highway an anderer Stelle zur Querung der Berge gebaut, jedoch ist die alte, sich in wunderbaren Serpentinen den Berg hinaufwindende, Straße immer noch befahrbar. Ich bin mit dem Fahrrad hinaufgefahren, und konnte gegen abend dann einen herrlichen Blick über die gesamte Bucht genießen. Die Abfahrt erinnert in ihren Dimensionen ein wenig an kaukasische Verhältnisse, wenngleich die Länge nicht ganz das erwähnte Niveau erreicht.
In Santa Barbara gibt es einen Flughafen, der zwar nur von wenigen Linienflügen angeflogen wird, jedoch "Heimatflughafen" zahlreicher kleiner Privatflugzeuge ist. Die Existenz einer Flugschule macht es möglich, daß man solche kleinen Flugzeuge mieten kann. Ein anderer deutscher Physikstudent, der schon einige Jahre hier lebt, ist Inhaber einer Pilotenlizenz, und hat mich auf einen seiner Flüge mitgenommen. Ein wunderbares Gefühl, sich in drei Dimensionen bewegen zu können. Schön war auch, daß ich einen großen Teil der Strecke selber fliegen durfte (Start eingeschlossen, wobei ich da nur den Teil mit dem Steuerruder übernommen habe, das Lenken auf der Erde wäre dann doch etwas zu viel gewesen). Lediglich Landen, was ja bekanntlich das Schwierigste ist, wurde mir abgenommen (volles Einverständnis meinerseits!). Wir haben in der Luft die verschiedensten schönen Manöver probiert, einen Parabelflug bei dem man schwerelos wird, einen Strömungsabriß, wobei man so schnell steigt, daß das Flugzeug in einem Maße an Geschwindigkeit verliert, daß es nicht mehr genügend Auftrieb hat, und kurzerhand kippt und nach unten fällt), fliegen, so langsam es geht....
Die Gegend von Santa Barbara ist einfach wunderbar (nicht nur zum Fliegen) - nach wie vor gibt es Neues zu entdecken. Direkt hinter der ersten, etwa 800m hohen Bergkette, die parallel zur Küste verläuft, gibt es mehrere Seen, die als Wasserspeicher für die Stadt dienen (und in denen man deshalb leider nicht baden darf), das Gebiet eignet sich aber wunderbar zum Wandern und Radfahren. Erstaunlicherweise nutzt man das Meer, wenn man es denn vor der Nase hat, sehr viel seltener, als man es vom "Festlandstandpunkt" aus denken würde.
Interessant bleibt nach wie vor das politische Klima. Am Dienstag in einer Woche (7. Oktober) entscheidet sich, ob Arnold Schwarzenegger in Kalifornien in Zukunft das Sagen haben wird. Von der bevorstehenden Wahl merkt man aber nur sehr wenig. Keine Plakate, einige wenige Zeitungen, die offizielle Wahlinformation, eventuell eine Sendung im Radio, das Fernsehen kann ich mangels eines Gerätes nicht einschätzen. Das politische Interesse scheint insgesamt sehr gering. Ich habe den Eindruck, daß viele Amerikaner von klein auf an ein für europäische Maßstäbe völlig übersteigertes Selbstbewußtsein gewöhnt werden. Es ist nicht verwunderlich, daß die Erläuterungen der Regierung auf so fruchtbaren Boden fallen. Die Menschen hier sind zu einem großen Teil noch nicht aus ihrem Bundesstaat hier herausgekommen, geschweige denn aus dem Land, also keine Konfrontation mit anderen Verhaltens- und Denkweisen. Sie sind niemals in eine Situation gelangt, in der sie weitreichende Entscheidungen wirklich beeinflussen konnten (und mußten). Ich glaube, daß wir es in Europa da sehr gut haben. Die amerikanischen Strömungen und Meinungen erscheinen in einem etwas neuen Licht.
In der Universität ist das Umfeld dem deutschen sehr ähnlich, viele der sozialen Probleme bleiben jedoch außen vor. Es gibt ein breites Spektrum von oftmals sehr sympathischen Einstellungen. Eine enorme Belastung für die Gesellschaft ist, daß "die Amerikaner" aus allen Teilen der Welt kommen. Gerade hier in Kalifornien ist der Ausländeranteil sehr hoch, wobei die Amerikaner sich aber zu diesem "Einwanderungsstaat" bekennen. Es ist allen völlig klar, daß ohne die "Unterstützung", sprich also den Zuzug großer Ausländermengen, sich der wirtschaftliche und politische Stand niemals hätte so etablieren können. Manchmal habe ich das Gefühl, daß ich ein wenig menschliche Tiefe gegen ein starkes Verantwortungsbewußtsein für Gesellschaft und allgemeine Belange eingetauscht habe. Das mag aber nur für das universitäre Umfeld gelten, gewiß auch nur in einer so reichen Gegend wie dieser hier. Schon einige Kilometer weiter ins Landesinnere ändert sich die Situation drastisch und entspricht wohl eher dem Einruck, den man von Europa aus von Amrika hat. Große Teile der Bevölkerung sprechen spanisch oder portugiesisch, und zwar fast ausschließlich - die Auswirkungen zeigen sich im allgemeinen Bildungsstand. Es werden immense Anstrengungen unternommen, dieses sprachliche Defizit auszugleichen, den Menschen zu vermitteln, daß die Bildung der Kinder zu den wichtigsten Aufgaben gehört. Vielfach sind jedoch die Eltern überfordert, es passiert, was in Deutschland auch passiert. Auch hier ist wahr, daß eine Änderung der Situation von offizieller Seite aus immer die Bereitschaft auf der anderen Seite voraussetzt. Und da sind die Amerikaner wahrscheinlich noch viel konservativer als die Deutschen - kein Wunder in einem Land, in dem mehr als 150 Jahre keine wirkliche politische Veränderung erfolgt ist, einem bewährten System, das sich plötzlich umstellen soll.
Letztes Wochenende nun habe ich alle meine Aufgaben liegenlassen und habe ein Auto gemietet, um mich mit Michael (der gleiche, aus San Jose) und einer Kollegin von ihm im Yosemite National Park zu treffen. Wir haben den Halfdome bestiegen, einen Ausflug zum Monolake gemacht (einem Salzsee in der Wüste, beinahe in Nevada). Ein herrliches Wochenende, allerdings mit ungefähr 1400 km Autofahrt.
Auf den zahlreichen kleineren und größeren Ausflügen sind einige Bilder entstanden, von denen man einige unter www.jbroedel.de.vu ansehen kann. Ihr seid herzlich eingeladen, zu schauen, Kommentare zu schreiben - wie auch immer.
Weiterhin verfüge ich jetzt über ein Festnetztelephon und freue mich, wenn ich angerufen werde (bitte die Zeitverschiebung von 9 Stunden beachten!).
+1 (805)-683-3126
Seid herzlich gegrüßt aus Kalifornien, Euer Johannes
Freitag, 14. November 2003
Liebe Feunde, Verwandte und Bekannte,
seit ich mich das letzte Mal aus Santa Barbara mit einer Rundmail gemeldet habe, sind etwa sechs Wochen vergangen. Die Zeit allerdings erscheint mir hier um ein Vielfaches kürzer, nicht zuletzt wegen der Dichte und der Fülle des Erlebten.
Natürlich steht nach wie vor das Studium im Mittelpunkt - die Universität beansprucht beinahe meine ganze Zeit. Die Aufgabendichte hat dazu geführt, daß ich einen Kurs, der für mich zum Großteil Wiederholung gewesen ist, abgewählt habe. So muß ich die Hausaufgaben für diese Vorlesung nicht mehr rechnen, und kann dennoch, wann immer ich will, zum Hören dort erscheinen. Dies hat die Belastung auf ein vernünftiges Maß reduziert. Immer noch ist es für mich erstaunlich, in welchem Maße man hier aufgehoben und betreut wird, kein Vergleich zu Deutschland. Allerdings muß man ausdrücklich betonen, daß dies in Dresden an strukturellen Problemen, und nicht am Engagement der Mitarbeiter liegt. Vor allem finanzielle Belange spielen dabei eine entscheidende Rolle, man rechnet hier einfach ernsthafter damit, daß ein gewisser Zeitanteil bei jedem Mitarbeiter für die Lehre verwendet wird, und so in den Fortbestand der Wissenschaft investiert wird. (..und kann sich dies auch leisten). Eine sehr interessantes Gespräch hatte ich über diese Finanzierung mit einem sehr jungen Professor hier. Er meinte, daß das In-Umlauf-Bringen des Sputniks durch die Sowjetunion für viele Amerikaner ein Ereignis gewesen ist, daß ihnen klar gemacht hat, daß sie sehr viel Geld in ihre Forschung stecken müssen, um auf Dauer im wissenschaftlichen und vor allem aber militärischen "Wettkampf" bestehen zu können. Seitdem ist es nicht mehr allzu schwierig, Regierungsgelder zu bekommen, sofern das Projekt auch nur annähernd einer eventuellen späteren militärischen Nutzung zugeordnet werden kann. So liegt also der Schwerpunkt der Forschungsprojekte hier ein wenig anders als in Deutschland. Den meisten Wissenschaftlern allerdings scheint dies bewußt zu sein, und man vermerkt es gelegentlich mit einem kleinen Augenzwinkern. Das Physikdepartment in Santa Barbara verteilt die Mittel ein wenig - so können neben den wirklich "geldbringenden" Prestigeobjekten eben auch ein (im Übrigen nicht zu kleines) Häufchen von Stringtheoretikern bezahlt werden. Ich hätte nicht gedacht, daß die Zustände hier in dieser Offenheit benannt werden, aber das ist vielleicht auch ein Teil der hiesigen Identität - als Europäer würde man sich scheuen, so offen über die Rüstungsabsichten und Hintergründe sprechen; hier ist man selbstbewußt genug, es zu tun, oder vielmehr: es bedarf hier nicht eines solch großen Selbstbewußtseins. Man ist sich hier der kritischenWirkung nicht so bewußt, wie in Europa, man hat ein anderes Empfinden von Moral, vieles ist vom hiesigen Standpunkt aus ein wenig anders.
Die viele Arbeit am Schreibtisch versuche ich ein bißchen auszugleichen. Das tägliche Radfahren ist etwas, worauf ich mich eigentlich immer freue, zumal man sich nie mit kalten Händen oder aber Regen oder ähnlichem arrangieren muß. Vor einigen Jahren hat die Universität ein sogenanntes "Recreation Center" eröffnet, daß in der Nähe der Universität die Möglichkeit bietet, schwimmen zu gehen (es gibt sogar 50 m-Bahnen). Ich versuche, jede Woche mindestens zweimal dort zu sein - es ist einfach wichtig, daß man sich auch außerhalb des Wochenendes ein wenig bewegt, sonst hat man keinen Spaß mehr an der Arbeit. Nach längerem Zögern hat mir die Universität auch endlich meinen Registration-Sticker zukommen lassen, den man benötigt, um den Bus nutzen zu können oder aber eben das Schwimmbad. Aufgrund des besonderen Status (die Studiengebühr wird eben von Deutschland aus bezahlt) und einer Umstellung des Computersystems hat das Ausstellen und das Klären aller nötigen Formalitäten sehr lange gedauert.
Seit nunmehr zwei Wochen habe ich hier ein Auto zur Verfügung. Eigentlich hatte ich vorghabt, wenigstens bis Weihnachten auf diese Art Komfort zu verzichten, doch viele schöne Unternehmungen werden in einer vollständig auf diese Art von Fortbewegung ausgerichteten Gesellschaft erst dadurch möglich. Die Gelegenheit ergab sich, als ein Freund von mir (Jorge, ein Physikstudent mit dem ich oftmals etwas unternehme) ein Auto gekauft hat, und sich zwischen seinem und meinem jetzigen Auto entscheiden mußte. Ich habe mir das Auto angesehen, und mich innerhalb zweier Stunden entschieden. Um in eine günstigere Versicherungsklasse aufzusteigen, ist es wichtig, daß man über einen kalifornischen Führerschein verfügt. Den theoretischen Test habe ich bereits hinter mir, der Praxistest steht, aufgrund der langen Warteliste beim DMV (Department of Motor Vehicles), noch aus. Am 2. Dezember werde ich dann also eine zweite Fahrprüfung machen. Dabei darf man sich weder die theoretische noch die praktische Seite so vorstellen, wie in Deutschland - beides ist um ein Vielfaches einfacher. Schließlich ist das Autofahren hier ja auch nicht mit den deutschen Verhältnissen vergleichbar. Es ist überall mehr Platz, es wird viel kontrolliert, und die strengen Geschwindigkeitsbeschränkungen sorgen für viel Ruhe.
Das Wetter in Santa Barbara ist auch um diese Jahreszeit sehr sonnig, man braucht tagsüber keine Jacke, doch abends und nachts wird es mittlerweile empfindlich kühl. Vor etwa zwei Wochen hat eine sogenannte Regenzeit begonnen, die sich allerdings kaum anders als ein normales deutsches Herbstwetter äußert. Nach einem regnerischen Abend erwacht allerdings die gesamte Natur, und man findet am nächsten Morgen alles, was vorher in tristem braun oder grau sein Dasein gefristet hat plätzlich in schönen, leuchtenden Farben wieder. Eine solche Regenzeit gibt es sowohl im Herbst einmal, als auch im Februar/März. Auf den jetzigen Regen hat man hier in Santa Barbara sehr gewartet, denn es war der erste seit sechs Monaten.
Ich versuche, daß ich an einem Tag des Wochenendes etwas unternehme, daß nichts mit Physik zu tun hat. Durch das Auto habe ich die Möglichkeit, relativ zügig hinter die Berge in eines der vielen wunderbaren Wandergebiete hier zu gelangen. Seit letzter Woche habe ich auch die dazu gehörige Erlaubnis - ohne diese darf man das Auto nicht innerhalb der Gebiete der State-Parks stehenlassen. Diese State Parks sind so etwas ähnliches wie Nationalparks, nur eine Verwaltungsebene tiefer. Am letzten Wochenende war Michael Schenker zusammen mit einem Freund hier, und wir haben eine schöne Wanderung unternommen. Allerdings sind auch hierbei die größeren Entfernungen zu berücksichtigen. Die kleinste Runde, die wir finden konnten, hatte eine Länge von 16 km, also ein gutes Stück Weg. Viele Amerikaner benutzen den State Park deswegen dann auch zum Reiten (die angenehme Variante), oder aber um die zahlreichen Dirt Roads, entlang derer auch die Wanderwege führen, mit Ihren Geländemotorrädern noch ein wenig mehr ihrem Namen gerecht werden zu lassen. Als Fußgänger sollte man sich da auf seine Ohren verlassen können, denn es scheint nicht üblich, mit Gegenverkehr oder sonstigen Hindernissen zu rechnen. Innerhalb des State Parks ist es gestattet (mit einer speziellen Erlaubnis, selbstverständlich einer anderen als der meinen) zu zelten, so daß man die Gegend auch in einer mehrere Tage dauernden Wanderung erkunden kann.
Einige weitere Ausflüge habe ich mit den verschiedensten Leuten zum Getty Museum nach Los Angeles, zum Camino Cielo (Himmelsweg), der auf dem Kamm der Santa Ynez-Berge verläuft, und von dem man einen wunderbaren Blick in beide Richtung (Ozean und Santa-Ynez-Valley) hat, unternommen. Einige der hierbei entstandenen Bilder, aber auch einige Ansichten von der Wohnung hier gibt es auf www.jbroedel.de.vu zu sehen. Weiterhin habe ich eine kleine Karte hinzugefügt, damit man sich die Orte und die Entfernungen vorstellen kann.
Gerade beginne ich, den Herbst in Deutschland zu vermissen, es fehlen die Gerüche nach Regen und die kalte Luft, es gibt keine Kastanien, keinen Nebel, kurz, man wundert sich ein wenig, daß der Sommer so lange anhält. Bald beginnt die Adventszeit, entgegen den Erwartungen ist vom Weihnachtsrummel hier noch nichts zu sehen und zu spüren. Ich werde bestimmt die heimeligen und gemütlichen Nachmittage vermissen, Kerzen, den Duft - ich freue mich schon sehr auf die Zeit über Weihnachten und Silvester zu Hause. Ab dem 16. Dezember bin ich in Dresden wieder zu erreichen, vielleicht noch ein wenig schläfrig, aber das sollte sich dann bald gegeben haben. Ich hoffe, möglichst viele von Euch zu den verschiedensten Gelegenheiten zu treffen...
Seid herzlich gegrüßt, Euer Johannes
Santa Barbara, 22. Februar 2004
Liebe Freunde Verwandte und Bekannte,
nach einem kurzen Gruß zu Weihnachten wird es Zeit für Rundbrief Nummer 4 aus Santa Barbara.
Das neue Jahr hat hier deutlich schneller begonnen, als ich es von Deutschland gewöhnt bin. Schon 6 Stunden, nachdem ich am 5. Januar (wieder verspätet) gegen früh um drei hier angekommen bin, begannen die Vorlesungen wieder, und ich habe das Gefühl, daß seitdem ununterbrochen gearbeitet zu haben. Das ist nicht in aller Vollständigkeit richtig, aber der Grad meiner Zeit, der von Physik beansprucht wird, ist bedenklich. Ich höre derzeit drei Kurse, die für mich alle anspruchsvoll sind - nicht zuletzt weil mir noch einige Voraussetzungen fehlen. Wunderbar finde ich Stringtheorie - eine Vorlesung über eine Theorie, die versucht, die vier (bekannten) in unserem Universum vorkommenden Kräfte in einer geschlossenen Beschreibung zusammenzufassen. Dafür benötigt man eine ganze Menge Mathematik, und ich bin immer wieder erstaunt, aus welchen hinteren Ecken man plötzlich das in den ersten Semestern angesammelte, und damals nicht anwendbare Können hervorholt. Dieser Kurs zeigt aber auch, daß bei genauem Hinsehen schon sehr viel des allgemeinen Wissens der Physiker zusammengenommen werden muß, um eine einigermaßen adäquate Beschreibung hinzubekommen. Diese Theorie ist keinesfalls vollständig - im Gegenteil, ein relativ bewegliches Gebiet, wobei man sich nicht so sicher ist, wieviel Potential darin steckt. Als Nachfolger (oder Teil eines solchen) der heutigen Standardbeschreibungsmöglichkeiten ist es auf jeden Fall ein guter Kandidat.
Vor zwei Wochen bin ich nach San Francisco gefahren - diesmal haben Michael (der schon mehrmals in Erscheinung getretene Freund aus San Jose) und ich einen Ausflug nach Marin County (nördlich der Golden Gate Bridge) auf den Berg Tamalpais unternommen. Von dort aus hatten wir einen phantastischen Blick über die gesamte Bay Area - man konnte neben San Francisco auch Oakland, Berkeley, Hayward sehen; San Jose war am Horizont im Dunst verschwunden. Am Abend haben wir dann (nach einem ausgiebigen italienischen Essen in der Innenstadt) noch einen Abstecher auf die Twin Peaks gemacht - zwei Hügel am Rande der Stadt, von denen aus man das Lichtermeer wunderbar überblicken kann. Am Sonntag morgen hat uns das regnerische Wetter dazu bewogen, unseren Plan im Pinnacle Nationalpark (halber Weg von Santa Barbara nach San Jose) wandern zu gehen, zu ändern. Stattdessen sind wir zum Ano Nuevo State Park gefahren, einem kleinen Naturreservat nördlich von Santa Cruz, etwa 45 km südlich von San Francisco. Er gehört zu den Plätzen, an denen um den Jahreswechsel herum Seeelephanten ihre Jungen bekommen. So hatten wir bei starkem Wind die Möglichkeit, an einer der 2 1/2-stündigen Führungen teilzunehmen, und die neugeborenen Seeelephanten zusammen mit ihren Müttern und einigen Bullen zu beobachten (etwa 2000 Tiere). Das war sehr eindrücklich - nicht zuletzt weil die Bullen gegenseitig ihre Reviere verteidigen, und sich deshalb (mehr oder weniger ernst) Kämpfe liefern.
Nachdem ich über Weihnachten zwei Wochen deutschen Lebens genießen konnte, habe ich beschlossen, das Leben hier in Amerika ein kleines bißchen zu ändern: Zuallererst habe ich meine Eßgewohnheiten umgestellt, und versuche nun, meinen Speiseplan etwas den europäischen Gepflogenheiten anzugleichen. Ich habe begonnen Brot zu backen, was allerseits begrüßt wurde (Schwarzbrot, daß diesen Namen auch verdient hat, kann man hier nicht erwerben). Leider hat die Getreidemühle nach etwa einem Kilogramm Getreide den Dienst verweigert, und ich bin gerade auf der Suche nach einem robusteren Modell (nicht elektrisch!). Gar nicht so einfach in einem Land, in dem einem alles fertig serviert wird. Einige weitere kleine Sachen, wie zum Beispiel Bilder an den Wänden meines Zimmers, sind ebenfalls hinzugekommen.
Tagespolitisch gesehen wird Amerika gerade von den Vorwahlen zur Präsidentenwahl (Anfang November) bestimmt. Dies ist vielleicht das Thema, daß innerhalb der Zeit, die ich jetzt hier bin, die größte Resonanz bei der Bevölkerung gefunden hat. Gleichzeitig (aber dies ist ja ein Thema, das man in Europa bestimmt mit großer Aufmerksamkeit verfolgt) tauchen selbst in den hiesigen Medien nach und nach Fakten auf, die deutlich machen, daß die Argumente für den Irakkrieg sehr dürftiger Natur waren, vielmehr auf Mißverständnissen beruht haben. Viele Kalifornier sind etwas verunsichert. Die Präsidentenwahl im November wird (wieder ?!) völlig irrational entschieden werden. Deutlich mehr noch als in Deutschland wird hier versucht, von den Kandidaten mit allen erdinklichen Mitteln ein gefälliges Bild zu zeichnen. Was man am Ende wirklich über die Person erfahren hat, ist kläglich gering. Die eigentlichen politischen Inhalte spielen beinahe keine Rolle, zumal die Lösungsansätze beider Parteien sichnicht grundsätzlich unterscheiden. Die Ablösung von Bush ist ein wichtiges Ziel der Demokraten, doch gerade mit der Ankündigung von Ralph Nader, als freier Kandidat anzutreten, zeichnet sich nach jetzigem Ermessen eine knappe Entscheidung ab. Hoffentlich ist wenigstens der Ausschlag nach einer Seite zu erkennen, und der neue Präsident "gewinnt" nicht mit einer Zahl von Mehrstimmen unterhalb der Nachweisbarkeitsgrenze.
Heute bin ich von einem Wochenende in Tempe, Arizona zurückgekehrt. Meine Stipendienorganisation hatte einige der zahlreichen sich derzeit in Amerika befindlichen Stipendiaten aus der gesamten Welt für ein Wochenende zu einer Konferenz "in die Wüste" eingeladen. Das Thema "Individuelles Engagement in einer zivilen Gesellschaft durch soziale und politische Prozesse" war leider sehr dehnbar - und das Spektrum wurde weit nach unten ausgeschöpft. Die eingeladenen Redner schienen sich zum Teil nur sehr wenig auf ihre Vorträge vorbereitet zu haben, und die angekündigten Themen wurden manchmal komplett ignoriert. Da leider ein großer Teil der Zeit mit diesen "Talks" angefüllt war, blieb wenig Zeit für Diskussionen in kleinen Gruppen, was, wenn denn doch Zeit dafür da war, der mit Abstand interessantete Teil des offiziellen Programms gewesen ist. Vielleicht war es auch ein bißchen zu ehrgeizig, eine solch große Menge auf einmal einladen zu wollen - drei Tage sind zu kurz, um 120 Leute auch nur oberflächlich kennenzulernen. Ganz anders sah es auf der persönlichen Seite aus - ich habe mich unter lauter Europäern sehr wohl gefühlt. Ein ähnlich gearteter Erfahrungskreis, Umgangsformen und nicht zuletzt die sofortige Möglichkeit, über das von den Amerikanern gepflegte Smalltalk-Gesprächsniveau hinaus ins Gespräch zu kommen, sorgen für ein angenehmes Miteinander. Sehr interessant auch, wie unterschiedlich sich die (zahlreich vertretenen) Deutschen in einem derartigen Umfeld bewegen (manche Klischees wurden, zu meinem Leidwesen, geradezu großartig bedient). Schön war, daß wir gestern einen botanischen Garten in der Wüste ansehen konnten. Zum Abschlußdinner gab es dann eine Talentshow (zu der einige Studenten beigetragen haben) (recht nett), die dann von einem Karaokesingen abgelöst wurde (etwas gewöhnungsbedürftig, und gelegentlich höchst peinlich). Die Abende in der Innenstadt von Tempe waren vielleicht der wichtigste Teil des Seminars - hier bot sich endlich die Möglichkeit, abseits aller Formen und Themen in aller Ruhe zu reden, wovon wir dann auch ausgiebig (und lange) Gebrauch gemacht haben.
Ich hoffe, daß ich die letzten drei Wochen des laufenden Quarters noch gut überstehe, dann sind erst einmal eine Woche Ferien. Bis dahin sollte auch die Regenzeit vorbei sein, so daß ausgedehnten Unternehmungen nichts im Wege steht. Gerade bereitet die Natur den Frühling vor, der Hauptniederschlag des gesamten Jahres fällt innerhalb einer Woche, gefolgt von einer unglaublichen Wachstumsphase.
Viele liebe Grüße aus Santa Barbara,
Euer Johannes
Santa Barbara, 27. April 2004
Liebe Freunde und Verwandte,
nachdem aus unerklärlichen Gründen der vierte zum dritten geworden war, folgt nun also der fünfte Rundbrief aus Santa Barbara. Es ist unglaublich, daß sich die neun Monate meines Aufenthaltes hier schon dem Ende zuneigen. Gerade noch 6 Wochen bleiben mir, bevor ich wieder nach Deutschland zurückfliegen werde.
Diese Zeit wird mit sehr viel schönen Dingen angefüllt sein, doch zunächst ein kurzer Rückblick. Die Semesterferien waren wunderbar, und lange ersehnt, entsprechend nötig - eine Kompensationszeit. So habe ich auch nichts größeres unternommen, sondern vielmehr die Zeit genutzt, um in aller Ruhe zu schlafen, ein wenig in nichtphysikalischen Büchern zu lesen, Spaziergänge am Strand zu machen, mich einfach auszuruhen. Zwei Tage allerdings bin ich nach Pasadena zum 20-ten West-Pacific Coast Gravity-Meeting gefahren - einer Konferenz, auf der verschiedenste Leute von Doktoranden bis zu Professoren ihre derzeitigen Arbeiten und Überlegungen auf dem Gebiet der Allgemeinen Relativitätstheorie erläutern und präsentieren. So hatte ich neben der Konferenz zwei Tage Zeit, um das California Institute of Technology anzuschauen. Ein paradiesisches Gelände mit lauter Gebäuden im Stile herrschaftlicher spanischer Villen, mit Springbrunnen und Grünflächen durchsetzt - Bänke laden zum Verweilen ein, und es scheint, als ob dieser Platz nur dazu geschaffen wäre, sich in Gedanken in einen der zahlreichen Gärten niederzulassen. Es ist kein Wunder, daß dort einige der wirklich großen Entdeckungen dieses Jahrhunderts gemacht worden sind. Zuvor gab es dank einer Einladung das Jet-Propulsion-Lab zu besichtigen - jenes Zentrum, von dem aus sämtliche extraterrestrischen menschlichen Aktivitäten gesteuert werden. Wir durften sehen, von welchem Raum aus die beiden Marsrover dirigiert werden, die Kommandozentrale von Voyager I und II, Cassini und allen anderen. Einige Modelle waren zu sehen, am interessantesten fand ich allerdings den "Assembly-Room", eine Art Werkstatt in Reinstraumform, in der die sämtlichen Roboter zusammengebaut und getestet werden. Hier befinden sich zwei riesige Kammern, die gekühlt und evakuiert werden können, um die Bedingungen im Weltraum zu simulieren.
Seit Beginn des neuen Quarters arbeite ich an einer kleinen Arbeit - sie beschäftigt sich mit einem Effekt der Allgemeinen Relativitätstheorie. Am 20. April ist ein Forschungssatellit etwa 90 km nördlich von hier gestartet worden - das Gravity Probe B - Experiment. Es folgen nun einige Erläuterungen für Interessierte - den anderen Lesern wird hiermit empfohlen, getrost zum nächsten Absatz weiterzublättern.
Die Allgemeine Relativitätstheorie beinhaltet die Vorstellung, daß Raum und Zeit durch das Vorhandensein großer Massen in der Nähe dieser gekrümmt werden. Nun ist die Erde im galaktischen Maßstab eher eine kleine Masse - nichtsdestotrotz sollte aber dennoch eine kleine, sphärisch symmetrische Änderung der Geometrie um die Erde herum festzustellen sein. Wie jedoch läßt sich eine Änderung der Geometrie messen? Dies tut man, indem man versucht, ein "unabhängiges", ein inertiales, System zu schaffen. In einem Inertialsystem gilt der Drehimpulserhaltungssatz, der besagt, daß Drehachsen ohne Einfluß einer äußeren Kraft ihre Drehrichtung beibehalten. Im letzte Woche gestarteten Satelliten ist dies durch kugelförmige Gyroskope realisiert - also sich sehr schnell drehende, schwere, nahezu optimal gelagerte Massen. Diese immens genau gearbeiteten Quarzkugeln sind mit einer dünnen Schicht Niob belegt, das bei den extrem tiefen Temperaturen, die durch flüssiges Helium im Satelliten erzeugt werden, supraleitend wird. Der ohne Widerstand deswegen immerfort in den Außenflächen der Kugeln umherfließende Strom bietet eine Möglichkeit, die aktuelle Drehrichtung der Kugeln sehr genau und beinahe beeinflussungsfrei zu messen. Zu Beginn werden die Drehachsen auf einen Bezugspunkt im Universum (Fixstern, in diesem Falle der Rigel, im Orion) ausgerichtet, der als Referenz dient. Die Kugeln werden selbst durch ein elektrisches Feld in der Schwebe gehalten. Die Idee für diese Konstruktion gibt es schon seit etwas über dreißig Jahren. Doch die technischen Möglichkeiten habe sich erst vor etwa zehn Jahren aufgetan. Die folgenden frei Effekte können (theoretisch) die Richtung der Drehachse beeinflussen: - Die Masse der Erde an sich krümmt den Raum um sie herum. Dies ist der größte Effekt, den man auf jeden Fall zu sehen erwartet. - Die Rotation der Erde sorgt dafür, daß sich der Raum um die Erde herum ein wenig "mitdreht". Die polare Bahn des Satelliten wird also am Äquator nicht immer über den selben Punkt verlaufen, sondern um die Erde herumwandern. - Es könnte sein, daß sich das gesamte Universum als Ganzes dreht. Man kann relativ genau sagen, daß es dies nicht tut, aber man kann es nicht ausschließen. Und genau dies ist der Effekt, den ich versuchen werde, in den nächsten Wochen auszurechnen. Er wird mit großer Sicherheit unter der Nachweisgrenze des Experimentes liegen, ist aber ein schönes Beispiel, wie man vielleicht in Zukunft eine solchen Universumsrotation wird messen können.
Letztes Wochenende haben mich zwei deutsche Freunde besucht - Stefan (ein Dresdner Physiker, der derzeit in Edinburgh studiert) und Michael aus San Jose. Es war schön, nach langer Zeit wieder einmal ein Wochenende in eigener Sprache verbringenzu können. Neben einem kleinen Rundflug bei spannend windigem Wetter haben wir eine Wanderung im Hinterland von Santa Barbara unternommen, um dann am Morgen des 19. April morgens zeitig aufzubrechen, um den Raketenstart des Gravity-Probe-B-Experimentes mitzuerleben. Leider wurde der Countdown kurz vor dem Start abgebrochen, weil nicht gesichert werden konnte, daß die Software für stärkeren Wind auch korrekt auf der Steuereinheit der Rakete geladen ist. So wurde der Start also um knapp 24 Stunden verschoben. Michael und Stefan haben sich dann Richtung San Francisco aufgemacht, während ich zurück nach Santa Barbara gefahren bin. Am nächsten Tag konnte ich der Versuchung dann nicht wiederstehen, und habe mich ein zweites Mal - diesmal erfolgreicher - aufgemacht, den Start zu sehen. Es ist schon sehr beeindruckend, wie man aus großer Entfernung (etwa 2 km) zuerst einen kleine Zündung sieht, und sich dann ein gleißender Lichtpunkt gen Himmel aufmacht. Einige Sekunden später hört man dann das Grollen, das sich dann zu einem ernsthaften Gedonnere auswächst. Auch in dieser großen Entfernung ist es erstaunlich laut. Etwa 30 Sekunden später sieht man anhand des veränderten Abgasstrahles, das die zweite Stufe der Rakete gezündet wurde, und weitere 30 Sekunden später ist bis auf eine große Menge Rauchs nichts mehr zu sehen. Unvorstellbar, das innerhalb von 90 Minuten der Satellit in seinen 640 km hoch liegenden Orbit gebracht werden kann. Bilder hierzu auf: www.jbroedel.de.vu (unter der Reisen-Sektion) Während Stefan sich dann zu Beginn der Woche San Francisco angesehen hat, habe ich ein wenig vorgearbeitet, denn wir wollten uns am Donnerstag abend in Las Vegas treffen. So hatte ich eine lange Fahrt vor mir, Stefan einen Flug von San Francisco. Nachdem wir dann einen Spaziergang durch diese nur zur Nachtzeit interessante Stadt unternommen haben, lag am nächsten Tag die Strecke von Las Vegas am Lake Mead und dem Hoover-Damm vorbei zum Grand Canyon vor uns. Trotz nur etwas mehr als dreier Stunden absoluter Fahrzeit haben wir unseren Zeltplatz im Grand-Canyon-Village erst gegen um zehn abends erreicht. Zu angenehm, entspannend und interessant waren das Baden im Lake Mead, die Führung innerhalb des Hoover-Damms und nicht zuletzt ein wunderbares kleines Steakrestaurant in Williams (einem Ort an der Strecke), das ich jedem (nicht vegetarischen) Besucher wärmstens empfehlen kann. Der darauffolgende Tag begann sehr zeitig. Gegen 5.30 sind wir (trotz der Kälte auf etwas mehr als 2000m Höhe) aus unserem Zelt gekrochen, und haben uns ohne Frühstück, das wir dann etwa eine Stunde später in strahlendem Sonnenscheinauf auf kleinen Felsbrocken am oberen Drittel des Weges nachgeholt haben, aufgemacht. Gegen halb zwölf hatten wir den Colorado erreicht, und haben von dort aus, nach einer ausgiebigen Mittagspause den Aufstieg begonnen. Bis um sechs abends ging es dann nur noch bergauf - das letzte Stück war dann doch ein wenig lang. Die Belohnung lag in unzählbar vielen wunderbaren Ausblicken, die wir auch ausgiebig genossen haben. Abends dann hatten wir das Vergnügen eines kleinen Feuers mit aufgebackenem Brot und gebratenem Schinken, Tomaten und einer schönen Flache Rotwein. Nicht zu erwähnen braucht man wohl, daß wir hinterher sehr schnell geschlafen haben. Der Sonntag war dann ganz der Rückfahrt gewidmet - es sind immerhin etwa 950km, die zurückgelegt werden müssen, bis man wieder in Santa Barbara ist. Bilder vom Grand Canyon findet man auf: www.jbroedel.de.vu (unter der Reisen-Sektion) Jetzt liegen also noch sechs dicht gefüllte und interessante Wochen vor mir - viele der Sachen, die ich gerne sehen möchte, werde ich wohl auf einen späteren Aufenthalt verschieben mögen, man kann innerhalb eines Jahres eben nicht alles erkunden. Bestimmt ist es nicht das letzte Mal gewesen, daß ich dieses Gegend bereist habe.
Viele liebe Grüße aus Kalifornien, Euer Johannes